Karnak, zweiter Pylon

Dass heutzutage jeden Tag abertausende von Menschen die alten ägyptischen Tempel besuchen, war nicht immer so zu ahnen. Die Anlagen von Karnak waren im Grunde von der Welt vergessen und völlig in Trümmern, als sie von Napoleon und seinen Truppen auf dem Ägyptenfeldzug ab 1798 für Europa entdeckt wurden. Im Zuge dessen wurde Ägyptologie modern, die Gelehrten der Zeit kümmerten sich um die Entschlüsselung der Hieroglyphen, Expeditionen zogen aus, weitere Kulturdenkmäler auszugraben und teils wiederherzustellen, teils zu zerstören, um sich auf europäische Museen und Privatsammlungen zu verteilen. In Karnak findet man zwar Detailzerstörungen wie die Inschrift der napoleonischen Truppen und ähnliches, aber der Wiederaufbau überwiegt ganz deutlich. Wie alte Abbildungen und Fotos zeigen, stand gerade in Karnak kaum ein Stein auf dem anderen. Sehr viel ist inzwischen wieder aufgebaut und rekonstruiert worden, aber ein Blick in die abgezäunten Bereiche mit den Bergen noch nicht zugeordneter Steine stellt klar, dass ungefähr die Hälfte der Baumasse noch auf ihre Wiederauferstehung wartet.

Napoleonische Inschrift in Karnak
Widdersphingen von Karnak

Die Widdersphingen, die gerade im Eingangsbereich des Tempels in großen "Herden" anzutreffen sind, gehören eigentlich nicht hinein, sondern vor den Tempel. Dort lag die Sphingenallee, von der aktuell nur Teile zu sehen sind. Ursprünglich verband sie die Tempel von Luxor und Karnak. Diese Allee soll perspektivisch wieder aufgebaut werden. Voraussichtlich wird das allerdings noch sehr lange dauern, weil über der alten Straße jetzt wichtige Teile der Stadt Luxor liegen, die so einfach nicht beiseite geräumt werden können.

Im Hintergrund der Sphingen sieht man noch eine Säule, die nicht etwa schlecht restauriert wurde - im Gegenteil. Sie wurde wie verschiedene andere auch nie fertiggestellt. Irgendwann war ihre Zeit vorbei und die Arbeiter ließen die Werkzeuge fallen.

Vor dem ersten Pylon dagegen wird gerade gegraben. Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber seinerzeit lag dieser Tempel genau am Nilufer. Man kann das an der Uferbefestigung erkennen, die aktuell ausgegraben wurde. Noch lange wird es lohnen wieder herzukommen, um die neuen alten Schätze zu bewundern, die wieder aus der Versenkung auferstehen.

Rekonstruktion des Tempels von Karnak